Gerhard KAISER = * 1955 Niederösterreich Manfred WAKOLBINGER = * 1952 Oberösterreich; Titel der Ausstellung MENAGE –das Wort selbst kommt aus dem Lateinischen mansio = Wohnung und im Französischen steht es für ménage = Haushalt. Die Arbeiten der beiden Künstler siedeln sich hier also in den schönen Galerieräumen des Kunstraumes ARCADE an und gegen eine Beziehung miteinander ein. Man kennt MENAGE A TROIS, die Dreierbeziehung, aber letztlich passiert auch das gerade hier; wir als Betrachter sind der dritte Teil, die Beobachter, Analysten und somit Teil dieser Beziehung. Aber was verbindet die Künstler? Was trennt sie? Am ersten Blick erscheinen sie sehr gegensätzlich – hier das klassische Material Kupfer und Glas bei Manfred Wakolbinger, dort das Material Kunststoff, Folie, Kunstharz, alles andere als klassisch. Aber sind die Positionen tatsächlich so gegensätzlich? Beide sind Sammler, Sammler von Eindrücken, Geschichten, Bilder und Fragen, getrieben von der menschlichen Neugier, die dann ganz individuell ausgewertet werden. Der Blick von Manfred Wakolbinger richtete sich seit Kindheitstagen nach außen und nach oben. Er war vom ersten Satelliten Sputnik fasziniert und wollte und will wissen, wie weit der Einfluss der Menschen reicht. Manfred ist als Autodidakt in erster Linie Bildhauer, Plastiker. Er sammelte seine ersten Erfahrungen in der Werkzeugbearbeitung und im Werkzeugbau und auch wenn er ab den 1980-iger Jahren angefangen hatte, seine eigenen Ideen und Skulpturen zu entwickeln, so hat er die technische Komponente nie aufgegeben. Seine Gebilde sind genau konstruiert, sind gebaut. Er ist also Plastiker der aus seinem favorisierten Material seine Plastiken kreiert. Anfangs waren das monolithisch wirkende Skulpturen die mit Ihrer rauen, betonartigen Oberfläche fast hermetisch abgeschlossen waren. Schon hier ist das Thema des Sockels deutlich zu sehen, dass in der Kunstgeschichte des 20 Jhdt. von Rodin zelebriert und von Brancusi fortgeführt wurde bis Künstler wie Giacometti den Sockel bis zur Plinthe reduzierten oder in der Figur auflösten. In der zweiten Hälfte des 20 Jhdt. waren Künstler beim Thema Sockel zurückhaltend bzw. ablehnend und überließen das Feld den Galerien und Museen. Die Kunst, die Arbeiten mussten ohne die Erhebung bestehen können. Dieses Sockel-Thema hat Manfred Wakolbinger aber von Anfang auch zu seinem gemacht. So bildeten die ersten Arbeiten ab den späteren 1980-iger Jahren Betonformen aus, deren Außenhüllen Sockel und Plastik in einem waren. Dort stehen Kupferfiguren auf spezifisch geformten Betonkörpern und bilden eine Einheit. Im nächsten Schritt lässt Manfred Wakolbinger seine Kupfer-Plastiken in den Sockel sinken. Im Inneren entwickelten sich in diesen Blöcken dann Räume die im Gegensatz zur kühlen Außenhülle mit warmem, rotorangem Kupferblech ausgestaltet sind. Das kann man als intellektuelle Idee interpretieren, aber aus meiner Sicht ist das mehr. Je tiefer die Kupferplastiken in den Sockel rutschen, desto mehr entsteht eine Umkehr und der Betrachter wird aufgefordert das Innere einzusehen. Diese Innenwelt ist meist organischer, verspielter und verwirrender wie die schlichte äußere Form. Manfred Wakolbinger dreht den Spieß um und verändert den Außenblick auf einen Innenblick. Und hier sehe ich schon die erste Parallele zu Gerhard Kaiser Arbeiten. Auch Gerhard Kaiser fokussiert zuerst nach innen und in seine unmittelbare Umgebung. Seine Aufmerksamkeit gilt den Dingen, die immer da sind und uns umgegeben, aber die aufgrund Ihrer Unbedeutendheit aus dem Fokus geraten. Gerhard Kaiser, gelernter Typograf, studiert von 1975 -1980 Malerei und Grafik an der Angewandten in Wien unter Oswald Oberhuber. Einige frühe auf der Hochschule entstandene Arbeiten sind Fotoarbeiten, wo er zum Beispiel nur mit dem Entwickler auf dem teilweise unbelichteten Fotopapier malt. Er geht bewusst einen entgegengesetzten Weg und experimentiert mit dem Material und dem Bildträger. In einer anderen Serie von Fotoarbeiten, die als „Verletzungen“ bezeichnet sind, werden die Beschichtungen des Fotopapiers eben „verletzt, verändert, deformiert“. Hier beginnt Gerhard Kaiser bereits mit einer Dekonstruktion, einer Zerlegung unserer gewohnten Bildwahrnehmung. Mittels spezifischer Arbeitsprozesse werden Bilder zerlegt, um an ihr Innerstes, an Ihr Wesen zu gelangen. Auch Gerhard Kaiser hinterfragt Sehgewohnheiten und nach dem Studienabschluss und einer Phase „wilder“ Malerei, die ich als klassischer bezeichnen möchte, entstehen Arbeiten, sogenannte Materialbilder, wo Malerei teilweise durch Material ersetzt ist. Hier fließen Ideen von DADA bis Magritte ein, wo plötzlich dann auch zum Beispiel die Rückseiten der Bilder die Vorderseite darstellen. Somit hinterfragt er gängige Systeme und Sehgewohnheiten, dreht diese um und eröffnet neue Perspektiven. Parallel sammelt Gerhard Kaiser jede Art von Bilder, Fotos, Röntgenfolien, alte Zeitungsausschnitte, Tapeten, Rollos, entsorgte Gegenstände wie Möbel, kaputte Keramiken usw.. Er er-sammelt sich ein physisches Bildarchiv, dass er verdichtet, verändert, neu ordnet, umstrukturiert und speichert. Aus diesem Bildarchiv erarbeitet er sich seine Ideen und er hinterfragt somit permanent das Wesen der Bilder. Kaiser entdeckt für sich ab 1990 die ausgemusterten Gummitücher aus den Druckereien, die Überträger von Bild- und Schriftdaten für Werbebroschüren sind und die Lithosteine ersetzen. Jeder Druckvorgang hinterlässt Spuren am Gummituch und jede zusätzliche Druckschicht erhöht die Anzahl der Spuren und Information des Materials. Genau das ist es was Gerhard Kaiser fasziniert. In diesen Materialien ist bereits eine Unmenge an Bildern abgespeichert, das Bildmaterial ist analog auf die Tücher „geladen“. Am Ende des Lebenszyklyses werden die Gummitücher entsorgt und dann beginnen sie bei Gerhard Kaiser ein neues Leben. Spätestens hier wird das Werk von Gerhard Kaiser plastisch, räumlich. Die Gummitücher werden gefaltet, gestapelt, geschnitten und in Bild und Informationsobjekte verwandelt. Auf den ersten Blick erkennt man nur schwarze geometrische und organische Körper, aber beim zweiten, genaueren Blick erspürt man dann plötzlich die Druckspuren und die Bilddaten. Die Spuren sind wie eine Haut aufgedruckt und zeigen die Abnutzungen und Verletzungen des Bildüberträgers. Und auch hier erkenne ich eine weitere Parallele zu den Arbeiten von Manfred Wakolbinger. Waren viele der frühen Kupferarbeiten sehr sauber und exakt gelötet, so werden ab ca. 2005 vermehrt auch die Arbeitsspuren auf den Arbeiten belassen. Sie werden Teil der Plastiken, die sich zunehmend auch mehr und mehr von geometrischen Körpern in Figuren verwandeln. Diese Figuren bekommen durch Ihre Ausgestaltung und eben auch durch die individuellen Arbeitsspuren einen Charakter. Sie verlassen Ihre Sockel und Glasbehausungen und werden eigenständige Persönlichkeiten. Manfred Wakolbinger nennt sie jetzt auch nicht mehr nach Ihren Baumaterialien Beton, Glas, Kupfer, sondern sie werden als PLACEMENTS in reale und teilweise in virtuelle Räume gestellt. Sie bekommen als TRAVELLER Beine, werden große, teilweise riesige Aliens und gehen als außentaugliche Edelstahlfiguren in alle Himmelsrichtungen der Welt, wie Ihr Schöpfer, der ab dem Jahr 2000 mit dem Tauchen beginnt und für sich einen neuen Raum erschließt. Das Weltall mag für unsere Generation noch zu weit entfernt sein, aber die Ozeane liegen vor uns und stellen eine kaum erforschte Dimension dar. Manfred Wakolbinger entdeckt für sich als Bildhauer das Meer und seine Tiefe als einen völlig neuen Raum, mit einem ebenso neuartigen Raumgefühl. Das Ein- und Ausatmen als wesentlichstes Element beim Tauchen wird einem in der Tiefe plötzlich bewusst. Unsichtbares wie unsere Atemluft bekommt plötzlich eine dreidimensionale Form von Luftblasen und Luftschlieren. Das Tauchen in größere Tiefen zwingt einen zur Dekompression, wo der Stickstoff im Blut wieder kontinuierlich abgeatmet werden muss. Manfred Wakolbinger nützt diese Dekompressionsphasen und entdeckt die Schönheit der aufsteigenden Luftblasen, die er als organische Gebilde fotografisch festhält. Das Schwebende und Gleitende findet sich dadurch auch in seiner Arbeit ein und vermutlich sind auch die Kopfausbildungen bei den großen Plastiken, die Manfred Wakolbinger ab 2012 als FORCES bezeichnet und die teilweise wie Schlangen aussehen, auf diese Unterwassereindrücke zurück zu führen. Darüber hinaus entdeckt Manfred Wakolbinger beim Nachttauchen vor der indonesischen Insel Sulawesi die Welt der Salpen, eine glasartige Untergruppe der Cordatiere, „Rückgratler“, wie es auch wir Menschen sind. Der Körper dieser fast transparenten Tiere ist ein hufeisenförmiger oder ringförmiges Muskelband, das als Kiemendarm bezeichnet wird. Durch Kontraktion des Kiemendarms filtern diese Tiere, die nachts aus mehreren hundert Metern Tiefe aufsteigen, Plankton durch ihren Körper und bewegen sich pulsierend vorwärts. Auch diese Wesen faszinieren Manfred Wakolbinger und sie werden in wunderbaren Fotos festgehalten. 2016 ermöglicht er uns Zuschauern mit einer Installation in der Artbox im Museumsquartier Installation seine Interpretation dieser neu entdeckten Welt. Die Artbox ist ein riesiger Glaskubus, ein überdimensionales Aquarium, in welchem vor einem riesigen Foto aufsteigender Luftblasen, ein zartes, linienhaftes Gebilde aus Kupfer schwebt. Wir bekommen durch das Glas den Blick ins Innere in eine Welt die uns Menschen normalerweise verborgen bleibt. Wie schon bei den in den Glassockel, Glaskörper versenkten Kupferarbeiten, zeigt Wakolbinger hier ein linien- und zeichenhaftes fragiles Kupfergebilde, dass frei im Raum schwebt. Ein solches Beispiel ist hier in der Ausstellung unter dem Titel GALAXIES zu sehen. Ähnliche Arbeiten werden als CIRCULATIONS bezeichnet, was auf seine Beschäftigung mit Blutgefässen zurück zu führen ist. Nicht der Blick ins All sondern ins Innere von Meer, Tier und Mensch führt Manfred Wakolbinger zu neuen Arbeiten. Und erneut tut sich eine Parallele zu den Arbeiten von Gerhard Kaiser auf, denn dieser entdeckt nicht nur die Drucktücher für sich, sondern ein weiteres Abfallprodukt aus der Druckindustrie. Die transparenten Folien die Reprofolien, die für den Druck abdingbar sind. Auch sie sind letztlich nach dem Druck ein Abfallprodukt, dessen Transparenz und Inhalt aber Gerhard Kaiser faszinieren. Diese Folien werden als Informationsträger, als Bildmasse modelliert, in Säcke gepackt, in Folienkörper geschlichtet und mit anderen Folien zu Bildern vernietet. Parallel dazu entstehen auch Körper aus diesen Folien, Kuben und Quader, die dann mit zusätzlichen Objekten gefüllt werden. Auch das kann man als transparente Körper, als Aquarien oder Schaukästen bezeichnen, die einen Blick ins Innere werfen lassen und zugleich den Inhalt schützen. Denn Gerhard Kaiser ist auch ein Archivar, ein Bildbewahrer und wenn sie das Eternittableau, die Arbeit ist mit BILDSCHAFT aus dem Jahr 2017 betitelt, in der Ausstellung ansehen, so sind auch dort die arrangierten Bildelemente unter einer transparenten Kunstharzschicht völlig einsichtig und zugleich konserviert. Auch die auf drei Beinen stehende Säule BASIC PACKING bildet mit den zu einem Rohr geformten Reprofolien einen Bildkörper, der einen Blick ins Innere erlaubt. Hier wird aber der Einblick durch Eingriffe, in diesem Fall mittels Bauschaum gesteuert. Es wird verdeckt, überlagert und freigelegt. Dieses Element der Blicksteuerung finden wir auch bei Manfred Wakolbingers Arbeiten. Bei manchen Skulpturen werden gezielt Spiegel und verspiegelte Oberflächen und Öffnungen eingebaut, die das Bild zurückwerfen. Zugleich gibt es Öffnungen ausgerichtet sind. Das Vokabular von beiden Künstlern ist also nicht unähnlich, nur die Herangehensweisen und Ergebnisse sind es. Beide spielen mit dem Thema des Zeigens und Verdeckens, bei Wakolbinger sind es Betonquader und getönte Gläser, den Inhalt zu verdecken und Neugierde zu wecken, bei Kaiser sind es Folien, Kunstharze und Bauschaum, die den Blick ins Innere steuern. Und beide Künstler wissen die neuen digitalen Werkzeuge des Computers für sich zu nützen. Wakolbinger verwendet die Unterwasserfotos der Salpen und verändert sie digital zu völlig neuen Bildern, die er REVERSALS nennt, wovon man einige Beispiele hier in der Ausstellung sehen kann. Oder aber er generiert damit unglaubliche Filme mit pulsierenden Galaxien und expandierenden Welten. Wakolbinger erfüllt sich damit quasi seinen Jugendtraum- den Blick ins All. Der Weg dorthin erfolgt durch Reduktion der Fotos, indem die verführerische Farbe entzogen wird. Übrig bleiben nur die schwarz-weißen Strukturen der fotografierten Gebilde. Für Gerhard Kaiser tut sich mit der digitalen Bildspeicherung ebenfalls eine neue Welt auf. Alles ist Bild, alles ist unendlich und die Bilder sind immerwährend. Er verdichtet die Bilddaten, überlagert sie, verbiegt und verändert sie und knetet alles digital durch, um sie dann in gezielten Ordnungssystemen auf Plexiglas, Papier und Leinwand drucken zu lassen. Er geht also den Weg der Addition. Bei Leinwänden kommt oft dann noch ein malerischer Eingriff dazu wie es das Bild REUSED aus diesem Jahr in der Ausstellung zeigt. Wie Sie sehen gibt es in dieser Ausstellung vieles zu entdecken! Begeben Sie sich auf eine Reise in den MIKRO und MAKRO - KOSMOS von Gerhard Kaiser und Manfred Wakolbinger. Viel Vergnügen!

 

A.Schantl L.Kogler J.Rössl M.Rennhofer O.Rychlik Rychlik+Krumpl W.Hilger W.Pauser J.P.Hodin M.Wagner W.Stelzer N.Pernod H.Knack Ch.Krejs F.Steininger

M.Wagner III Carl Aigner Alexandra Schantl II Oswald Oberhuber Günter Oberhollenzer Michaela Seiser Lucas Gehrmann Alexandra Schantl III Gerhard Kaiser I Gerhard Kaiser II